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PHONOGRAFIE


PHONOGRAFIE
aus: Metaphern (Wenn die Klänge die Klänge wären)

von Peter Ablinger


    Wenn ich mir - manchmal - vorstelle, Evolution könnte möglich sein, dann ist darin KOMPLEXITÄT kein Ziel, sondern vielleicht etwas wie eine Rückversicherung für möglich gewordene UNMITTELBARKEIT. Für die Möglichkeit im immer engmaschiger werdenden Netz von Abstraktionen ausreichende Abgesichertheit einzuüben, um, wenn nicht gleich den Sprung aus dem Netz heraus, so wenigstens einen Blick durch die Maschen hindurch riskieren zu können: Den Blick ohne Abstraktion, ohne Zeichen, ohne vorgegebene Denkschemata hin auf Wirklichkeit.

    Kunst scheint parallel zum Weg zunehmender Komplexität auch noch einen anderen Weg, den umgekehrten, zu gehen. Nehmen wir die Darstellung von Landschaften und Umgebungen, die vom Symbolischen, über das Mythologische und die Idealisierung, zu einer Betrachtung des Sichtbaren in Photografie, impressionistischer Malerei und Photorealismus und, in einer möglichen Konsequenz, zur Video- oder Filmaufzeichnung führt. Ist das nicht eher ein Weg des Wegfallens von Abstraktionen? Hat das nicht auch mit ANNÄHERUNG zu tun? Ist das, im Gegensatz zur zunehmenden Komplexität von Beobachtungs- und Reflexionsvorgängen, nicht die zunehmende Direktheit des Blicks?

Verallgemeinerungen darüber, was Kunst ist oder sein kann haben für mich den Reiz, daß sie mich zu der Überlegung herausfordern, wie ich ihnen gerade nicht entsprechen könnte. Es ist vielleicht mein größter Ehrgeiz, daß mir einmal eine Kunst gelänge, die keine Kunst mehr ist, rausfällt aus dem Rahmen, frei ist vom Kennerblick, von der Kunstbetrachtung und ihrem mitgeführten Diskurs. Niklas Luhmann, den ich durchaus zu meinen Lehrern zähle, stellt 2 Kriterien für die Kunst auf: Kontingenz (ausgeschlossen seien Notwendigkeit und Unmöglichkeit), und Komplexität (Einfachheit sei nur ein evolutionär früheres Stadium). Danach aber wäre es mir etwa mit Weiss/weisslich 7 gelungen keine Kunst zu machen. Das Stück besteht, als nur Vorgestelltes, als Konzert oder als Installation, aus weissem Rauschen, unbegrenzt (alles, immer). Weisses Rauschen, die Summe aller Klänge, enthält keine Alternative, keine Kontingenz. Und ob dieses Alles nun etwas höchst Komplexes oder etwas ganz Einfaches ist, ist so eine Frage... Tatsächlich habe ich keinen Klang gefunden, der einen so ratlos zurückläßt wie konturlos weisses Rauschen im Konzert gespielt. Es läßt sich nicht leicht etwas damit anfangen. Das einzige, was es dann doch wieder zur Kunst macht (gerinnen läßt), ist gewissermaßen das Bild, das wir uns von ihm machen, das Bild von der weissen Fläche, die berechtigte oder zu kurz geschlossene Referenz zur abstrakten Malerei.

Gewissermaßen um dem Bild zu entgehen (Übertragungsabwehr?), begann ich, mich von dieser Idee des Abstrakten, der reinen weissen Fläche, des Absoluten loszulösen, und mich dem Kontingenten, dem Unklaren, den gegenständlichen und alltäglichen Klängen anzunähern. Das bis dahin statische Rauschen wurde kontinuierlich, die Klänge konkret. "Das Buch der Gesänge" (1997/99) besteht aus 6 Büchern und insgesamt 100 Gesängen: die 6 Bücher sind 6 CDs, und die einzelnen Gesänge sind Mikrofonaufnahmen aus unserer alltäglichen Umgebung: Stadtlärm, Kneipengemurmel, Kaufhäuser, Strassen, etc., akustische Photografie bzw. Phonografie. (Und zumindest die GEMA akzeptiert "Das Buch der Gesänge" nicht als Musik - das ist schon mal ein gutes Zeichen.)

      "Die wahre Herausforderung bestand nicht darin, es aus dem Rauschen des Waldes herauszuhören. Dort war es fast zu einfach - eine Art Handwerk. Nicht aber, mitten im Waffenlärm, im Augenblick des reinen Grauens, in der Zerstörung des Geistes wiederzuerkennen, daß hier eine noch dichtere Stille, eine betäubende Stille eintrat." (Roberto Calasso)


hier der gesamte Text:
METAPHERN
(Wenn die Klänge die Klänge wären)

veröffentlicht in: "Übertragung - Transfer - Metapher"


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