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Peter Ablinger:
Hypothesen über einen romanischen Karner
Orte / Vorgeschichte

Hypotheses On A Romanesque Chappel,
(rough english translation, pdf)


Mensch, Raum, Ton; Proportionen eines romanischen Karners; Zeichnung: Peter Ablinger


Anfang der 90er Jahre beobachtete ich an unterschiedlichen romanischen Krypten deren besondere akustische Eigenheiten. Wenn ich nämlich dort (allein im Raum) leise gesungen habe, konnte ich feststellen, daß es immer eine bestimmte Tonhöhe gab, auf welche der jeweilige Raum ganz besonders reagierte und sie verstärkte. Wenn ich diesen Ton einmal gefunden hatte, genügte es, ihn mit der leisesten möglichen Stimme zu summen, und der ganze Raum war davon erfüllt in einer Weise, als würde der Ton keinen bestimmten Ursprungsort mehr haben, sondern von überall her gleichzeitig klingen.

Ich fragte mich, ob es möglich sei, daß diese Orte eigens für das Singen gebaut wurden, und daß dabei die Dimension, das Grundmaß jeweils auch auf einen ganz bestimmten Grundton hin entworfen wurde. Ein Grundton, der dann die Basis für den Choralgesang abgegeben hätte. Solche Orte wären also gewissermaßen als Instrument und Resonanzraum konstruiert worden.

Daß es die grundsätzliche Möglichkeit eines bewußten Zusammenhangs zwischen romanischer Architektur und Musik gäbe, schien mir keinesfalls abwegig. Bereits Ende der siebziger Jahre hatte ich ein Buch gelesen, in welchem eine Verbindung zwischen romanischem Kapitelschmuck und gregorianischem Choral hergestellt wurde. ("Singende Steine" von Marius Schneider. Dabei konnte die figurative Gestaltung eines einzelnen Kreuzgang-Kapitels symbolisch einen bestimmten Ton darstellen, die Abfolge aller Säulen des Kreuzgangs hintereinander den vollständigen Choral ergeben.) Die Hypothese, daß die romanischen Krypten auf einen Ton, den Grundton hin gebaut wurden, welcher dann die Basis eines ganz bestimmten gregorianischen Chorals abgegeben hätte, schien mir plausibel. Schließlich war die Krypta bereits in frühromanischen, selber noch flach gedeckten Kirchen immer schon in Stein gewölbt, und daher von Anfang prädestiniert als besonderer Resonanzraum. Und daß darin tatsächlich gesungen wurde wird kaum zu bestreiten sein.

Etwa 1992 hat mich der Karner des Benediktinerstifts von St. Lambrecht in der Obersteiermark beschäftigt. Ich nahm an, daß er ursprünglich nicht als Beinhaus gebaut wurde, sondern die erste Kirche war (- Kirche nicht im heutigen Sinn als Gemeinschaftsraum fürs Volk, sondern exklusive für die 12 Mönche und den Abt der Gründung des Klosters, um dort ihre vorgeschriebenen Gesänge und Gebete zu absolvieren). Dieser kreisrunde und gewölbte Raum ist geradezu berühmt für seine Resonanz und seinen langen Nachhall, und auch hier gibt es bestimmte Tonhöhen (hier mehr als eine), auf welche die Architektur in besonders verstärkender Weise antwortet. Ich begann mit einfachsten Mitteln den Raum auszumessen, um in den Abmessungen die verstärkten Tonhöhen wiederzufinden. Später konnte ich dann auch auf Pläne zurückgreifen die mir das Kloster St. Lambrecht zur Verfügung stellte, und dadurch meine Schätzungen konkretisieren.

Zur Warnung: Es handelt sich hier keineswegs um systematische Forschung. Ohne eingehendere Untersuchungen sind diese Studien rein spekulativ. Dennoch hier ein kurzer Einblick in meine Skizzen:

Der hinsichtlich der Raumantwort auffälligste Ton war ein g. Er mußte sehr genau intoniert werden, denn selbst kleinere mikrotonale Abweichungen ließen den Ton bereits wieder unverstärkt. Der runde Raum mit halbrunder Ost-Apsis hatte 12 Fenster plus ein weiteres Fenster in der Apsis (- die kanonischen 12 Mönche der Gründung plus deren Abt). Die Höhe der Fenstervertiefung in der Apsis ist laut Plan des Klosters 1,62m, womöglich ein Durchschnittsmaß für Männer der damaligen Zeit (11. Jahrhundert). Wenn die Fenster also je einen der Mönche symbolisieren, so würde sich diese Proportion auch in einem der Haupttöne des Raumes wiederfinden: Eine Wellenlänge 1,62m ergibt bei heutigem Kammerton einen Ton zwischen g und gis, bei einem für damals deutlich höher anzunehmendem Kammerton aber tatsächlich ein g. Am Altarstein, einem einfachen rechteckigen Quader, glaubte ich das damals angewendete Fußmaß zu erkennen, Tiefe mal Höhe mal Breite hatten die Proportion 2:3:4, das Fußmaß dürfte 0,327m betragen haben, das Maß des Menschen und seines Tones betrüge danach genau 5 Fuß.


Altar (Fussmass), Apsis (Aufriss), Karner (Grundriss), Säulen (Querschnitt); Zeichnung: Peter Ablinger


Weitere bemerkenswerte Entsprechungen zwischen Raumproportionen und Raumresonanzen schienen sich abzuzeichnen, müßten, auch unter Einbeziehung der Raumtemperatur (Schallgeschwindigkeit), und wenn möglich auf Grund einer aktualisierten gründlichen Vermessung des Karners, erneut überprüft, und mit Forschungsergebnissen über frühere Fußmaße, Skelettgrößen und Kammertöne verglichen werden.

Der damalige Prior und spätere Abt des Klosters ist Historiker. Meine Vermutung, daß der (heutige) Karner vor der ersten Klosterkirche gebaut worden wäre, und daher in den Jahren der Klostergründung selbst als Kirche gedient haben könnte, wollte er keineswegs bestätigen. Umgekehrt schien mir die Quellenlage eine solche Hypothese nicht ganz und gar auszuschließen.

Aber ob das nun alles auch nur den geringsten Realitätsgehalt hat oder nur eine Fantasie ist ... - jedenfalls waren diese Untersuchungen eine der Grundlagen für die Serie der "Orte".


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siehe auch / see also:

Theorie der Mehrstimmigkeit / Theory of Polyphony
Polyphonie und Gewölbe / polyphony and vaulting

Ein veränderter Begriff von Harmonie / Harmony and Electricity
Raum und Elektrizität / space and electricity

Weiss/Weisslich 10:
Orte / Places: series of places with certain acoustic qualities

Weiss/Weisslich 12:
recordings of ground noise in 18 different Brandenburg churches

Weiss/Weisslich 24:
the churches of St. Lambrecht

one-tone pieces 1991-93:


> ANFANGEN (:AUFHÖREN)

> OHNE TITEL / 14 INSTRUMENTALISTEN

> OHNE TITEL / 3 KLAVIERE

> OHNE TITEL / 2 KLARINETTEN (1-6)




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