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Phonographie
Mikrofonaufnahmen aus unserer alltäglichen Umgebung: Stadtlärm, Kneipengemurmel, Kaufhäuser, Strassen, etc., gewissermaßen akustische Photografie, oder auch Phonografie





Gewissermaßen um dem Bild zu entgehen, begann ich, mich von der Idee des Abstrakten, der reinen weissen Fläche, des Absoluten loszulösen, und mich dem Kontingenten, dem Unklaren, den gegenständlichen und alltäglichen Klängen anzunähern. Das bis dahin statische Rauschen wurde kontinuierlich, die Klänge konkret.

aus einem Text von Peter Ablinger; zum Text:
'Phonographien', aus: METAPHERN (Wenn die Klänge die Klänge wären)
veröffentlicht in: "Übertragung - Transfer - Metapher"



Der Gesang
oder
Kontingenz und Einzigartigkeit

Das worauf es ankommt
ist nicht Kunst zu machen aus Alltag
auch nicht der Sensibilisierungsprozess
oder die geschärfte Wahrnehmung
- all das sind Mittel/Material

entscheidend
ist die Ambivalenz
bzw. das Aufspüren der Differenz von Kontingenz und Einzigartigkeit, zwischen: "das-ist-ja-immer-dasselbe" und zu bemerken, was für Abgründe sich auftun können zwischen einem Ding und demselben Ding, zwischen dem Ding und seiner Wahrnehmung.

Daß das Ding selbst Kunst spielt, ist nur die Strategie, mit der diese Differenz aktualisiert wird.


Gustav Courbet und die Kontingenz

Wenn man einen ungefilterten, ungeschönten Ausschnitt von Wirklichkeit bringt, drängt sich schnell der Verdacht auf, daß es jederzeit auch ganz anders sein könnte, ein ganz anderer Ausschnitt.
Genau das meint Kontingenz.


Photografie und Phonografie

Photos sind immer auch Darstellungen des Photografen. Ein Photo ist immer auch die Darstellung einer Blickweise. Photos sind gewissermaßen psychologisierend. Sie sind Selbstportraits, immer!, auch etwa Landschaftsfotos etc. (Photos sind so etwas wie das Paradigma des Individualismus - nicht umsonst wurden die ersten Photos gleichzeitig mit der Psychologie entwickelt...)

Phonografien (Tonaufnahmen) sind da anders, unabhängiger. Subjektunabhängiger. Auch resistenter gegen Identifikation. Klang - wenn es sich nicht gerade um "Musik" handelt - ist viel weniger Bestandteil unseres Begehrens, unserer Wünsche, und insofern viel weniger Repräsentant unserer Psychologie. Klang ist weniger besetzt als Bild. Und insofern auch "objektiver"; Klang ist vielleicht das Objektivste, was uns im Bereich der Sinneswahrnehmung zur Verfügung steht.




Thomas Ulrich

aus:
Reines Hören
Über die Sinnlichkeit der Stille in der Neuen Musik

Ablingers Komposition wirkt wie eine Versuchsanordnung, in der die Komponenten des Hörens von Musik deutlich auseinandertreten und für sich wie auch in ihrem Zusammenwirken untersucht werden können. Denn Hören und Vorstellen sind nicht nur beteiligt, wenn ich mich mit Alltagsklängen beschäftige, sondern ebenso, wenn ich mich mit den Werken der musikalischen Tradition befasse. Diese wollen nicht nur gehört werden; sie verlangen, wie Adorno es ausgedrückt hat, ein "spekulatives Ohr", also ein Ohr, das denkt, das ein sinnliches Erlebnis als "etwas" identifiziert, es mit anderem vergleicht und so Zusammenhänge herstellt, Beziehungen auf den Begriff bringt, kurz: nach Sinn sucht und Sinn herstellt. Dieses Ohr ist Inbegriff geistiger Tätigkeiten; es benutzt das, was das "leibliche Hören" mich erfahren läßt, das sich in rezeptiver Weise öffnet für die sinnliche Besonderheit, das unvergleichlich Einmalige dieses Momentes, als bloßes Material für seine Sinn konstruierende Tätigkeit.
> siehe auch: das Projekt "Das Buch der Gesänge" 1997/99





(Trond Olav Reinholdtsen) Warum (und wie) verwendest du "Wirklichkeit" als Material in deinem Werk? Geht es dabei um das Paradox, dokumentarische Aufnahmen (wie Stadtgeräusche von Berlin oder Aufnahmen von historischen Personen) hineinzutragen in die Musik? Oder geht es um eine Art musikalscher Realismus?

(Peter Ablinger) Die Antwort darauf hat teilweise tatsächlich mit Realismus zu tun. Und zwar hab ich mich vor vielen Jahren einmal gefragt (da war ich noch Jazzpianist), was das Konzept des photografischen Realismus für die Musik bedeuten könnte. Damals habe ich begonnen, zu Umweltaufnahmen dazu zu improvisieren in einer Weise, daß Instrument und Umweltaufnahme miteinander verschmelzen, amalgamieren sollten. Viele Jahre später bin ich (in der Entwicklung der Werkreihe der "Quadraturen") der Verfahrensweise des Photorealismus noch einen Schritt näher gekommen, eine Photografie mit den traditionellen Mitteln Pinsel und Leinwand widerzugeben - für die Musik heißt das wohl: eine Schallaufzeichnung ("Phonographie") mit den klassischen Orchesterinstrumenten widerzugeben. Tatsächlich wäre ein echter "Phonorealismus" nur möglich, wenn die Instrumente keine Obertöne hätten und ihre Spielgeschwindigkeit die Grenze zum Kontinuierlichen, nämlich 16 Anschläge pro Sekunde, überschreiten und auch Abfolgen mit wechselnden Parametern in diesem Tempo widergeben könnten. Letztere Bedingung ist nur mit dem computergesteuerten Klavier, erstere mit natürlichen Instrumenten gar nicht erreichbar. Was aber erreichbar ist, ist eine Annäherung, die eine Vergleichssituation entstehen läßt: Verglichen wird dabei Musik und Wirklichkeit. Die Musik fungiert dabei wie eine Beobachterin: Die Musik beobachtet die Wirklichkeit. Und es sind genau wieder die Grenzen dieser Annäherung, die uns etwas über das Beobachtungsinstrument erkennen lassen. Die Musik, das kulturell Geschaffene, wird also zur Metapher für Wahrnehmung. Einer Wahrnehmung, die dem Wahrgenommenen in keiner Weise gerecht werden kann, uns in diesem Scheitern dafür umso mehr über die Grenzen unserer Wahrnehmung und über den Vorgang des Wirklichkeit-Erzeugens beim Wahrnehmen berichten kann.

> engl. documentation of the QUADRATUREN- series

> PHONOREALISM, texts and notes / aus verschiedenen Texten"

> more about PHONOREALISM




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