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Peter Ablinger:

12 TÖNE IM EXIL
Hauer und die Konzeptkunst




In gewisser Weise war die europäische komponierte Musik immer schon Konzeptkunst. Seit den Anfängen ihrer schriftlichen Notation. Ein Bild muß gemalt werden, um betrachtet werden zu können. Ein Lied muß gesungen werden, um gehört werden zu können - aber es muß nicht notwendigerweise notiert werden. In der Differenz von Konzept (Partitur) und Ausführung ist aber bereits die Möglichkeit angelegt, daß nicht erst ein objekt-ähnliches Endprodukt, sondern bereits ein Gedanke Kunst sein kann, oder zumindest selbstständiger Bestandteil von Kunst.

Die Komponisten haben diese Differenz auch sofort in Beschlag genommen, und - gerade im Mittelalter bis zur Spätrenaissance - Dinge in ihre Partituren geschrieben, die niemals zum Klingen zu bringen wären, sondern allein dem die Partitur Lesenden zugänglich sind; Informationen, welche dem klanglichen Resultat völlig eigenständig als regelrechte Subtexte gegenüberstehen: sogenannte Augenmusik.

Dieser Aspekt von Komponieren ist zwar auch in der Musik seit dem Barock nie zur Gänze Verschütt gegangen, hat aber an Bedeutung eingebüßt, und die Partitur größtenteils nur mehr als praktische Notwendigkeit, als Werkzeug der Aufführung genutzt. Erst mit der Musik des 20. Jahrhunderts setzt etwas ein, was die ursprüngliche Differenz in veränderter Form wieder aktualisiert.

Josef Matthias Hauer, der "wahre Erfinder der 12-Ton-Musik", ist wahrscheinlich der bedeutendste Unbekannte der Neuen Musik. Tatsächlich war es nicht Arnold Schoenberg, sondern Josef Matthias Hauer, der die 12-Ton-Technik - die vielleicht folgenreichste musikalische Entdeckung des 20. Jahrhunderts - erfunden hat. Aber viel mehr als die Beschäftigung mit 12-Ton-Reihen hat Hauer mit Schoenberg nicht gemeinsam. Denn während für Schoenberg und den "Mainstream" seiner unzähligen Nachfolger diese Technik in erster Linie Harmonielehre-Ersatz und Tonfolgen-Generator war, hat der dem Bauhaus nahestehende Hauer daraus ein weltanschauliches Konzept, eine Haltung gemacht.

Der Unterschied fängt schon beim Begriff der Reihe oder Serie an. Dieser ist bei Schoenberg und den seriellen Komponisten nicht mehr als eine Satztechnik, ein Strukturprinzip. Während Hauer auch darin der Erste war, auf musikalischem Bereich konsequent in Serien, im Sinne von Werkreihen, zu arbeiten, und dabei - lange vor Andy Warhol - so festverankerte Paradigmen, wie die von der Einzigartigkeit des künstlerischen Werkes auszuhebeln.

Josef Matthias Hauer sagt es etwa so: Ein Zwölftonspiel zusammenzustellen ist ein Kinderspiel, dagegen es richtig vorzutragen ist nicht leicht, allein es zu hören ist wirklich schwer.

Die Musik scheint ja ansonsten der bildenden Kunst immer ein paar Jahrzehnte hinterher zu hinken. So deutlich jedoch der Wahrnehmung, also auch dem Wahrnehmenden selbst, den Vorrang vor dem Werk (dem "Zusammengestellten") einzuäumen, macht ihn zu einem weit vorausschauenden, immer noch brisanten Vordenker. In der Musik seiner eigenen Epoche findet die Abstraktion und Grundsätzlichkeit seiner Zwölftonspiele keine Parallele. Der von Hauer betriebene Reduktionismus, der in einem weiteren Gegensatz zu Schoenberg anstatt auf größtmögliche Variabilität und Komplexitätssteigerung, sich auf strenge Viertaktigkeit, rhytmische Vereinfachung und - wenn man so sagen kann - auf eine akkordische Quasi-Monodie beschränkt, eine Beschränkung und Konzentration der kompositorischen Mittel, die für Adorno nicht anders als reaktionär mißdeutet wurde, blieb auch weitgehend ohne Fortsetzung und, vorläufig jedenfalls, ohne Auswirkung. Reduktionismus und konzeptuelle Strenge mußten erst wieder aus den USA zu uns zurückimportiert werden, um in neuem Licht erscheinen und wahrgenommen werden zu können.

Hauer, hat sich (lange vor John Cage) mit dem I-Ging beschäftigt und es mit der von ihm erarbeiteten musikalischen Tropenlehre verknüpft, einer Systematisierung des Klangvorrats, vergleichbar vielleicht mit der Erforschung der Farbkombinationen eines Josef Albers in dessen "homage to the square"-Arbeiten (Die Anzahl der Bilder dieser Serie liegt ähnlich wie bei Hauers 12-Ton-Spielen bei über Tausend). Über Albers hinaus geht aber, daß Hauer nicht nur einen grundlegenden Rahmen erzeugt, um ihn in immer neuen Varianten ausfüllen zu können, sondern daß er dieses Ausfüllen (das Komponieren eines 12-Ton-Spiels) schließlich als Anleitung zum Selbermachen publiziert und tatsächlich andere, nicht nur musikalisch gebildete Schüler, sondern auch Laien zum Erstellen eines 12-Ton-Spiels ermutigte.

Es ist das ein künstlerisches Denken, das nicht mehr die Individualität und Originalität einer einzelnen Partitur in den Mittelpunkt stellt, sondern den Kompositionsprozess, ja die Tatsache des Komponierens und Kunst-Produzierens überhaupt zum Gegenstand macht, und wenn schon nicht in Frage stellt, so doch für eine entschiedene Entrümpelung unverzichtbar geglaubter Antiquitäten sorgt. Der freigeräumte Platz steht stattdessen dem Hörer zur Verfügung, bzw. der "schweren" Aufgabe ein 12-Ton-Spiel hörend zu erschaffen.

"Jeder Mensch ist ein Künstler" hieß das dann eine Generation später. Und wenn es sich nicht verbieten würde, kunsthistorische Begriffe einer späteren Phase auf früher anzuwenden, würde ich sagen:

Hauer war der erste Konzeptkünstler.


Hauer "12 TÖNE IM EXIL/Hauer und die Konzeptkunst"* ist zuerst erschienen in: Christoph Metzger (Hrsg.): "Conceptualisms", Pfau-Verlag, 2003. "Conceptualisms" war der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Akademie der Künste, Berlin 2003. Das erste Stück des Ausstellungspacours bestand aus der Leihgabe von Peter Ablingers altem Atelier-Flügel zusammen mit einer Originalausgabe eines Hauerschen Zwölftonspiels.



* der titel ist mehrfach paradox und anspielungsreich
denn natürlich mußte ja nicht hauer sondern schoenberg ins exil gehen
die schoenbergsche 12-ton-technik kam aber bald nach kriegsende schon wieder zurück nach europa und ist hier in form der seriellen musik weitergewuchert
und andererseits gibt es diese große bewegung von europa nach amerika und zurück
besonders hinsichtlich der europäischen vorkriegsavantgarden, die hier keine fortsetzung gefunden haben und teilweis fast in vergessenheit geraten wären, wenn nicht die exilanten das erbe in amerika fortgepflanzt hätten, von wo es dann via solcher formen wie gerade die konzeptkunst etwa wieder nach europa zurückkehrte
cage ist da ein gutes beispiel, siehe seine frühen manifeste, die geradezu kopien der dadaistischen und futuristischen manifeste waren
seine ganze beziehung zu den alltagsgeräuschen etwa kommt daher
und auch 4'33" ist gewissermaßen die kopie einer kopie
cage übertrug (kopierte) ja bekanntlicherweise rauschenbergs schwarze bilder in musik aber rauschenbergs bilder sind ja schon die kopie (oder wiederholung) von malewitsch's schwarzem quadrat
hauer emigrierte eher innerlich, er starb vereinsamt und unbeachtet
aber auch hier finden sich prominente amerikaner wie feldman, die wieder auf hauer aufmerksam machen
feldman - nicht stockhausen!
also auch hauer ("seine" 12 töne) sind bestandteil dieser bewegung

(unveröffentlichte Notiz, P.A. 2003)



"Conceptualisms", Akademie der Künste Berlin 2003, Exhibition view with Julius "Schwarz, Gelb", Peter Ablinger "36 Chairs" and Josef Matthias Hauer: Piano with "Zwölftonspiel"




Josef Matthias Hauer und das Bauhaus

1997 veranstaltete Peter Ablinger im Bauhaus-Archiv Berlin ein Konzert mit Zwölftonspielen von Josef Matthias Hauer umgeben mit Siebdrucken aus der Serie "Homage to the Square" von Josef Albers.
Peter Ablinger: "Was ich nicht wusste, als ich diese Veranstaltung plante, war, dass es einen Moment gab in welchem das Bauhaus erwog, auch eine Musikabteilung zu führen. Dazu ist es nicht gekommen, aber der Kandidat für die Leitung einer solchen Abteilung war Josef Matthias Hauer. Nicht auszudenken, wo die Musikgeschichte heute stehen würde, wenn das damals eingetreten wäre!"
Vortragende bei einem dem Konzert vorausgehenden Symposion waren Sabine Sanio, Jürg Frey und Antoine Beuger.

Nachstehend einige Text-Dokumente und Tonaufnahmen die im Zusammenhang mit der Veranstaltung entstanden sind.


6 from more than 1000 paintings of the "Homage to the Square"-series by Josef Albers



Das schwarze Quadrat der Musik ist noch nicht komponiert.

Die Vereinfachungen und Reduktionen die Josef Matthias Hauer vornahm um die Musik auf einige wenige Kategorien zurückzuführen haben in Europa keine Fortsetzung gefunden.

Womit das zu tun hat, und warum das europäische Nachkriegskomponieren bis heute fast ausschließlich auf Komplexität und Variabilität setzt, inwiefern die amerikanische neue Musik Feldman's', La Monte Young's, etc. diese LÜcke füllte, ist Gegenstand des Symposions.

Abstraktion in der Musik: geht das Überhaupt?

Kann man von einer "ungegenständlichen Musik" sprechen? Oder: wo findet die Auseinandersetzung mit "Grundformen" des Akustischen statt? Und: wie klingt der Klang der nur mehr auf sich selbst verweist?



Josef Albers: Homage to the Square
Josef Matthias Hauer: 12-Ton-Spiele


Die Beziehungen zwischen Malerei und Komposition sind in diesem Jahrhundert nicht die unbedeutendsten. Ich erinnere nur an Cage-Rauschenberg und an Feldman-Rothko. Und ganz allgemein kann es sehr anregend sein für Leute die über Musik nachdenken dies in Begriffen zu tun die aus der bildenden Kunst kommen. Neue Perspektiven können sich einstellen.

Der Blick von Albers auf Hauer läßt die Möglichkeit aufscheinen, die einzelnen Schritte musikalischer Reduktion in Hauers 12-Ton-Spielen neu zu bewerten. Es handelt sich darum, versuchsweise die rigide Viertaktigkeit mit strenger Quadratkomposition sowie die Tropenlehre mit der Serialisierung von Farbwerten zu vergleichen.

Dieser Versuch könnte dahin führen, den Begriff "Abstraktion" systematisch auf die Musik anzuwenden und auf diese Weise auch die andere, erfolgreichere Version der 12-Ton-Technik, nämlich das Prinzip der absoluten Variabilität bei Schoenberg und in der seriellen Musik, in Differenzbegriffen zur "Abstraktion" zu fassen.

Variabilität hat zu tun mit Organik, Prozess, Entwicklung und findet ihre aktuellen Ausläufer in der musikalischen Auseinandersetzung mit der Chaostheorie und kybernetischen Wachstumsmodellen.

Unter der - vorläufigen - Begrifflichkeit "Organik" versus "Abstraktion" ließe sich die Musikentwicklung im 20. Jahrhundert neu beleuchten.



Josef Matthias Hauer: Zwölftonspiele

Abstraktion und Grundsätzlichkeit von Hauers Zwölftonspielen sind ein Pardigma für modernes künstlerisches Denken, das nicht die Individualität und Originalität einer einzelnen Partitur in den Mittelpunkt stellt, sondern den Kompositionsprozess, ja die Tatsache des Komponierens und Kunst-Produzierens überhaupt zum Gegenstand macht.




Programm zum Hauer Symposion, Bauhaus-Archiv Berlin 1997



Josef Matthias Hauer ist einer bedeutendsten Unbekannten der Musik. Nicht Arnold Schoenberg sondern Hauer hat die 12-Ton-Technik - die folgenreichste musikalische Entdeckung des 20. Jahrhunderts - erfunden,

Ebenso bedeutsam ist sein besonderer Umgang mit den 12 Tönen, für die er - vereinfacht gesagt - einen grundlegenden Rahmen findet um ihn in immer neuen Varianten ausfüllen zu können. Somit vielleicht der früheste Konzeptualist der Musik. Der Erste der konsequent in Serien arbeitet (Serien - nicht nur als Ton-, sondern als Werkreihen!).

Das zu seiner Zeit singuläre Bestreben Hauers das musikalische Material maximal zu abstrahieren und auf Grundformen zu reduzieren ist durch die Schoenberg-Apologese Adornos aufs Gröbste verkannt und tendenziell als reaktionär abgehandelt worden.

Die Nachwirkung dieses Verdikts hält nicht nur bis heute an, sie hat auch verhindert, überhaupt darüber nachzudenken, ob in der Musik "Abstraktion" ein Thema sein könnte.

Ich möchte diese Diskussion ankurbeln mit dem Verweis auf Albers und einige grundlegende Parallelitäten zwischen den "Hommages" und den "Zwölftonspielen".




Programm zum Hauer/Albers Konzert, Bauhaus-Archiv Berlin 27.11.1997



Quadratische Kompositionen:

Die Zwölftonspiele von Josef Matthias Hauer in einer von Romantizismen befreiten Interpretation,

umgeben von Josef Albers' Siebdruckserie "Hommage to the Square"

Hauers Musik wird gerne als Spezialfall ausgeklammert und nicht in ihrem geschichtlichen Zusammenhang mit formaler Reduzierung.und Zurückführung auf Grundformen - wie es zur gleichen Zeit etwa das Bauhaus betrieben hat.

Rigide Viertaktigkeit und strenge Quadratkomposition lassen sich ebenso vergleichen wie die Serialisierung von Farbwerten mit der Tropenlehre.

Außerdem wird es Zeit diese Musik endlich einmal "non vibrato" zu hören.




Josef Matthias Hauer: 4 Zwölftonspiele aus dem Konzert vom 27.11.1997 im Bauhausarchiv Berlin - einschliesslich einer Uraufführung

Daniel Seel, Klavier
Dimitrios Polisoidis, Violine/Viola
Sophie Schafleitner, Violine


Zwölftonspiel "Musik für Schule und Haus" für 2 Violinen und Klavier (22.September 1956)

Hausmusik für 2 Violinen und Klavier

Zwölftonspiel für Violine, Viola und Klavier (September 1957)

Zwölftonspiel "Musik für Schule und Haus" für Violine, Bratsche und Klavier (22.September 1956) URAUFFÜHRUNG



Kosmischer Tanz (Hauer 1958)



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