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PETER ABLINGER - KUNST UND KULTUR



 

KUNST UND KULTUR

ein Text von Peter Ablinger
zuerst veröffentlicht in: Positionen, 2003, Heft55

 



Also, ich sehe das so: Es gibt die Oper und es gibt das Musiktheater. Das eine ist Kunst, das andere Kultur. Und das ist schon alles, was ich dazu zu sagen habe. Der Rest ist Erläuterung.

Unter Musiktheater verstehe ich grob gesagt alles zwischen Lohengrin und Prometeo. Die Oper dagegen – so wie ich den Begriff hier nutze – ist kein kontinuierlicher Bestandteil des Kulturbetriebs. Sie tritt eher punktuell auf, und zwar immer dann, wenn zwei Dinge (Künste, Medien) aufeinander treffen und etwas drittes ergeben. Sie hat vielleicht Ende des 16. Jahrhunderts in einer florentinischen Villa begonnen, als die 4 Stimmen eines Madrigals nicht mehr wie bisher von 4 Sängern, sondern skandalöserweise von einer einzigen von Instrumenten begleiteten Frauenstimme vorgetragen wurden. Die Oper – so verstanden - ist keine Kategorie, sie durchbricht Kategorien.

Musiktheater hat – auch - damit zu tun, daß es schon da ist. Es ist da als Institution, als Aufführungsort, als Ausbildungsgegenstand, als Kulturbudget, als Begriff in den Köpfen. Es ist wie ein Instrument das gespielt wird. Oper ist ein Instrument das er- oder ge- oder wiedergefunden wird.

Musiktheater der letzten 25 Jahren, sofern es mir diskussionswürdig erscheint, war zudem nur mehr um den Preis des Theaters möglich. Daher: Nono/Lachenmann/Furrer, sie alle haben den Anteil der „Musik“ verabsolutiert, um das „Theater“ zu retten – aber eigentlich war es entbehrlich, und konzertante Aufführungen kein Verlust mehr, die Musik hatte selbst Regie und Handlung übernommen, Librettos und Regisseure waren oft eher Störfaktoren dabei. Nur Nono, der Klarsichtige, hat gleich die konzertante Aufführung zum Theater erklärt, und in dem konsequenten Verzicht auf das Medium visueller Darstellung ist der Prometeo vielleicht der zwingend letzte Schritt, den das Musiktheater tun kann, - somit schon wieder Oper.

Daß der Begriff „Oper“ hier nicht als historischer verwendet wird, haben schon andere vorgemacht (Bertolt Brecht's "Dreigroschenoper", Robert Ashley's "Video-Oper", ...); Aber auch historisch war Oper ja einmal das Aufeinandertreffen von Gattungen, Künsten und Medien, und unter diesem Blickwinkel tut sich ein weites Feld auf, ein Möglichkeitshorizont von Wirkungs- und Wahrnehmungsweisen, in welchem allein schon die Vielfalt und Unabgeschlossheit der Begriffe wie Klanginstallation, Klangkunst, konzertante Installation, instrumentales Theater, sichtbare Musik, Textmusik, Musikaktionen im öffentlichen Raum, interaktive Musikformen, Netz-Musik, ... belegt, wie sehr die Entwicklung auf diesem Terrain im Gange und: JETZT ist.

So verschieden die einzelnen Äußerungen dieser gegenwärtigen Entwicklung auch sind, so scheinen sie - außer der Wut auf angestaubte Betriebe und selbstläuferische Kulturformen, doch noch eine Gemeinsamkeit zu haben: die Heldin/den Helden dieser Opern. So skandalös einst das Ins-Zentrum-Rücken des Inidviduums, das Hervortreten der Person aus der Musik heraus empfunden wurde (- in der erwähnten Florentiner Villa), so unbemerkt wie – fast möchte ich sagen: selbstverständlich ist heute der Vorgang, daß das Zentrum des Geschehens meist der Hörer selbst ist, wenn er beispielsweise zwischen den sparsam gesetzten Objekten einer äußerst reduktiven Installation in einem hintergründigen Zugleich von realem wie imaginären Bühnenraum herumwandelt und, veranlasst von wenigen feindosierten Anreizen, sich selbst beim Wahrnehmen wahrnimmt. „Operare“ hieß immer schon „handeln“, nur daß erst in unserer Zeit auch der Zuhörer und –seher als Teil der Handlung mit in das Opus integriert ist. Er handelt in Form von aktiver Wahrnehmung.

In meiner Unterscheidung Oper/Musiktheater steckt zweifelsohne ein Plädoyer. Dieses richtet sich aber nicht gegen das Musiktheater. Ich habe manches aus diesem Genre sehr geschätzt. Das Plädoyer gilt auch keinesfalls dem Neuen. Das ist was für Modeartikel. Es gilt eher einem wachen Geist. Und dem intelligenten Verknüpfen vorhandener Resourcen. Meine Aufmerksamkeit gilt in dieser Hinsicht eher dem, was ich als Oper bezeichnet habe, einem Noch-Nicht-Eingelösten, einer Möglichkeit, einem flüchtigen Ort, kaum Realität, Kunst eben.

P.S.
Die Ideologie vom Wachstum, Wachstum als Wert und Ziel an sich, ist die unmittelbare Nachfolgerin von Kolonialismus und Imperialismus. Wachstum heißt Resourcen zu verbrauchen, die der anderen Hälfte der Welt nicht zur Verfügung stehen. Und auch nicht den nachfolgenden Generationen. Ein offen zutage liegendes Verbrechen. Oder wenigstens bleibt inständig zu hoffen, daß die Wachstumsideologie irgendwann in einer Reihe mit Kolonialismus, Imperialismus gesehen, und als Verbrechen erkannt wird.

Es spielt gar keine große Rolle, was das mit Oper und Musiktheater zu tun hat. Heute haben die USA den Krieg im Irak begonnen.


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