back to: documentations

Peter Ablinger
ALTAR
(2002-03)


"Was auf der Ebene der Einheit
zusammengefaltet eins ist,
wird auf der sinnlichen Ebene der Vielfalt
notwendig auseinandergefaltet."
(Cusanus)

short english abstract at the bottom of the page


Altar / 3 Hörsäulen im öffentlichen Raum 3 listening columns in public space
Realisation der Hörsäulen: Winfried Ritsch

An drei Orten im Stadtraum hat Peter Ablinger Hörsäulen errichten lassen, etwa zwei Meter hohe zylindrische Objekte, die jeweils mit einem Mikrofon-Paar und einem Kopfhörer ausgestattet sind. Über das geschlossene Kopfhörersystem ist zu hören, was gerade von den Mikrofonen aufgezeichnet wird. Es findet keine klangliche Veränderung oder zeitliche Verzögerung der jeweils aktuellen Klanglandschaft des Ortes statt, sieht man von der Eigengesetzlichkeit der Apparate ab.

Die Künstlichkeit der durch technische Vermittlung gegebenen Abhörsituation wird nicht geleugnet, aber auch nicht betont. Zwar wird der Hörer für die ihn ohnehin umgebene Klanglandschaft sensibilisiert, durch den technischen Apparat jedoch zugleich von ihr getrennt. In der dialektischen Anspielung auf komplexe Echtzeit-Systeme und aufwendige Klangübertragungen in Werken der jüngeren Musik und Klangkunst ist eine Fokussierung auf Hören und Hörer auszumachen.

Die "Drei Hörsäulen im Stadtbereich" bilden den ersten von drei Teilen des Stückes "Altar". Die anderen beiden Teile, "Komplementäre Studie" für Cello und Elektronik und "Drei Minuten für Orchester" nehmen auf diesen Bezug.
Programmhefttext von Volker Straebel/ Donaueschinger Musiktage 2003



Altar / Skizze zu "Komplementäre Studie" drawing for "complementary study"
Programmierung: Thomas Musil, mit Dank ans IEM Graz

Die "Komplementäre Studie" für Cello und Elektronik verwendet Klangmaterial, das zuvor an den "Drei Hörsäulen im Stadtraum" aufgezeichnet wurde. Aus dem mittleren von drei in einer Reihe vor dem Publikum aufgestellten Lautsprechern klingt der Originalklang, aus den beiden Lautsprechern links und rechts sein Komplementär. Komplementär- und Original-Klang zusammen ergeben die dynamischen Maxima des in schmalen Frequenzbändern analysierten Originalklanges. Während die akustische Summe gleich bleibt, ändert sich über die Zeit das räumliche Verhältnis der beiden Klangebenen, so dass der Originalklang in der Mitte bald breiter, bald schmaler erscheint.

Durch dieses Klangfeld bewegt sich das Solo-Instrument dreimal in einer langsam aufsteigenden Tonfolge, deren Dynamik sich jeweils an den akustischen Maxima der überschrittenen Frequenzen orientiert. Das Cello agiert so als "auskomponierter Hörer" (Ablinger), der mit seiner Aufmerksamkeit systematisch das gesamte Frequenzspektrum abtastet.

Die "Komplementäre Studie" ist der zweite von drei Teilen des Stückes "Altar". Es nimmt, ebenso wie die "Drei Minuten für Orchester", auf die "Drei Hörsäulen im Stadtbereich" Bezug.
Programmhefttext von Volker Straebel/ Donaueschinger Musiktage 2003



Altar / Drei Minuten für Orchester 3 Minutes for Orchestra
> listen, SWR Symphonieorchester, Conductor: Silvain Cambreling)
> CD

Programmierung: Thomas Musil, mit Dank ans IEM Graz

Auch die "Drei Minuten für Orchester" verwenden Klangmaterial, das zuvor an den "Drei Hörsäulen im Stadtraum" aufgezeichnet wurde. Das Stück gliedert sich in drei Teile, die jeweils spiegelsymmetrisch um die 40 Sekunden dauernde Zuspielung einer Hörsäulen-Aufnahme angeordnet sind: Klaviereinsatz, Orchestereinsatz, Tonzuspielung, Ende des Orchesterspiels, Ende des Klavierspiels.

Das Orchester spielt die akustische Analyse der eingespielten Klanglandschaft in einer Auflösung von 2½ Sekunden (was einer Samplingrate von 0,4 Hz entspricht). Das Klavier bewegt sich in jedem Teil, ähnlich dem Cello in der "Komplimentären Studie" aus "Altar", langsam aufsteigend durch seinen Frequenzbereich. Orchester wie Klavier verwenden einzig die sieben Töne c, d, ¼ Ton unter e, f, g, ¼ Ton unter a, b, in die die Oktave in allen Lagen gleichmäßig geteilt wurde. Das Orchester "begleitet" die Stadtgeräusche der Zuspiel-CD, nicht umgekehrt.

"Drei Minuten für Orchester" ist der dritte von drei Teilen des Stückes "Altar". Es nimmt, ebenso wie die "Komplimentäre Studie", auf die "Drei Hörsäulen im Stadtbereich" Bezug.

"Altar" besteht aus drei Stücken unterschiedlicher Genres, die ihrerseits jeweils in drei Teile oder Formabschnitt gegliedert sind. Neben dem gemeinsamen Materialbezug unterstreicht diese formale Entsprechung den Zusammenhang der Einzelwerke, deren "Ganzes" sich erst in der ästhetischen Rekonstruktion des Rezipienten ergibt.
Programmhefttext von Volker Straebel/ Donaueschinger Musiktage 2003


Zeichnung: Peter Ablinger, Fotos: Maria Tržan


vergleiche auch andere Arbeiten in denen etwa konzertante und installationsartige Teile aufeinander bezogen werden:

> HOTEL DEUTSCHES HAUS

> MEHR WIRKLICHKEIT 3, Hören in 4 Sätzen

> CALIFORNIA SCORE

> OPERA/WERKE


ALTAR (2002-03)
is one piece in three different situations.

The first situation involves so-called "listening columns" in public space where one could take headphones and listen to what (right now) can be heard in the actual situation. The second situation is an 18 minute long, quite hermetic, noise block including an almost inaudible live cello. The third part is "Three Minutes for Orchestra". It consists of 3 layers: ambient street sounds recorded at the exact places where the listening columns were located, second- the orchestra part with its parallel analysis of the frequencies of these street sounds, and an additional piano part which is just an ascending scale.

All 3 pieces are presenting the same 3 situations in different medias. Therefore the piece is also about different possibilties of (artistic) representation. (english note edited by Austin Buckett)


compare also:
> HOTEL DEUTSCHES HAUS

> OPERA/WORKS

> MEHR WIRKLICHKEIT 3, Hören in 4 Sätzen

> CALIFORNIA SCORE


> SERIE GRAUER TAFELN


back to: documentations

this page was created by Aljoscha Hofmann. last edited 02.01.2004