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PETER ABLINGER - STÜHLE / CHAIRS
 
Weiss/Weisslich 14 und 29
Bestuhlungen
Hörorte

Stuhl-Projekte 1995-2007

Weiss/Weisslich 14 and 29, Chairs, Listening Places, Chair Projects 1995-2007




"not the sound, but the listening is the piece"

Since 1995 different chairs-pieces have been realized in different spaces, inside and outside. The piece is both a sculpture that plays with the serial structure of minimal art and the quotation of an audience space that can actually be used to sit down and enjoy the given situation as a concert.

Other versions exist as text, photo-series, and as performance, but the fundamental formulation of the piece is "Weiss/Weisslich 14", which exists just as its title that says "Sitting and Hearing". This piece, which does not consist of an object and exists only as an idea (or its title), refers to the thought that is elementary to Peter Ablinger's entire work; the thought that it is not the piece, the composition, the given structure that is important, but the listening process itself. Even the sounds are too much of an object and are not the absolute center of interest. For Peter Ablinger only the hearing itself, the relationship between the listener (the subject) and the sound (the object), has the quality of being art in its most immediate sense. Not the sound, but the listening is the piece.

The documentation below shows some of the versions of Weiss/Weisslich 14 and 29

 


WEISS/WEISSLICH 14 (White/Whitish 14), Sitting and Hearing, 1995,
(the piece exists only in its title; one can execute, do or think it)



Sitzen und Hören, 2 Skizzen, 1995
Sitting and Hearing, 2 sketches, 1995



WEISS/WEISSLICH 29, 6 Stühle auf winterlichem Feld, 31.12.1996
White/Whitish 29, 6 chairs on a wintery field, 31.12.1996



STÜHLE, BAMBUS, SONNENAUFGANG, SONNENUNTERGANG (1996/97), im Freien werden 36 Stühle und 6 Bambuspflanzen nach der Sonne ausgerichtet (Skizzen, und Realisation Rümlingen, Schweiz, 1997)
Chairs, Bamboo, Sunrise, Sunset (1996/97), 36 chairs and 6 bamboo plants are arranged according to the sun (sketches, and realization in Rümlingen, Switzerland, 1997)

STÜHLE, BAMBUS, SONNENAUFGANG, SONNENUNTERGANG

Als ich im November 1996 zur Besprechung nach Rümlingen fuhr hatte ich ein fixes Konzept im Kopf: Ein elektroakustisches Stück das im Prinzip aus zwei komplementären Klang-"Wänden" besteht die sich im Verlauf von 4 Stunden in einer Weise gegeneinander verschieben sodaß sie sich bei Sonnenuntergang gegenseitig auslöschen und auflösen in ein konturloses Rauschen. Das Umgekehrte bei Sonnenaufgang: aus Rauschen werden zwei "farbige" Spektren.
In dem Moment jedoch wo als Ort die Hornwiese festgelegt wurde begann mein Konzept zu bröckeln. Es hätte bedeutet riesige Lautsprecheranlagen auf eine grüne Wiese zu stellen. Das wollte ich nicht.

Ich dachte also über die Verwendung von Kassettenrekordern nach. Viele Kassettenrekorder. Zum Beispiel 36 (36 ist das Quadrat der Sonnenzahl 6). Jeder Rekorder sollte einen einzigen stehenden Klang haben der sich von Gerät zu Gerät leicht verändert. Die im ursprünglichen Konzert angestrebte langsame Verschiebung des Klanges sollte nun vom Publikum erwandert werden. Dann dachte ich über geeignete Sockel für die Rekorder nach und entschied mich für Stühle.

Am 31. Dezember 1996 bei minus 15 Grad Celsius machte ich außerhalb Berlins einen Versuch mit 6 Stühlen und 6 Rekordern. Ich wollte im wesentlichen das Verhalten der Klänge im Freien und die Entfernung der Stühle voneinander überprüfen.

Es dauerte einige Tage bis ich mir eingestand daß der Moment BEVOR ich die Rekorder auf die Stühle stellte der bessere war. Die Rekorder flogen raus, die Stühle blieben.

Der Bambus war kurz vorher dazugekommen. Er könnte bei Wind leise vor sich hinsäuseln. Es gibt aber auch einen ganz speziellen Wind auf den ich es abgesehen habe und den der Bambus mit sehr viel Wetterglück - einfangen könnte: Gerade im Sommer wird es bei Schönwetterlage - von der das ganze Projekt ja weitgehend abhängig ist - im Moment des Sonnentuntergangs/-aufgangs absolut windstill. Die Amsel ist dann sehr laut zu hören. Jedoch etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang kommt ein zarter kühler Lufthauch aus der Richtung der Sonne. Mit dem einsetzenden Windzug ist abends dann auch die Amsel still, morgens wird sie vielleicht von ihm geweckt. Ich habe mit mehreren Meteorolgen über dieses Windphänomen gesprochen. Sie hatten noch nie etwas davon gehört. Ein großer Teil meiner Bekannten jedoch scheint es zu kennen.

Deswegen jedenfalls steht die Reihe der 6 Bambuspflanzen rechtwinklig zur Richtung des (eingebildeten?) "Sonnenwinds".

Das Ganze aus Stühlen und Bambus wird für Sonnenaufgang und -untergang jeweils unterschiedlich aufgestellt. Direkt auf den lokalen Sonnenuntergangs/-aufgangspunkt ausgerichtet ist die von einer Halbkreis-Kurve unterbrochene Gerade der Stuhllinie. Die Kurve selbst ist dazu da um aus der Linie einen Weg zu machen, etwas, das die Aufmerksamkeit von der Ausrichtung teilweise ablenkt auf die Situation des Abschreitens.

Der Verzicht auf "aktive" Klänge (die Mutation vom Klangstück zum Hörstück) wird ermöglichen, daß das Stück umsomehr durchdrungen wird von den Klängen die um es herum produziert werden von Vögeln, Musikern und Publikum. Auch räumlich können einige Stühle sehr nahe an anderen Aktivitäten vorbeigeführt werden.
Als Referenz vor dieser Umgebung kann gelesen werden daß jeder einzelne Stuhl kontinuierlich seine Ausrichtung als Hörpunkt verändert. Wer sich der Reihe nach von Osten nach Westen hinter jeden einzelnen der 36 Stühle stellt wird sich selbst 1 1/2 mal um die eigene Achse gedreht haben. Die beiden geraden Streckenteile beschreiben je eine konvexe Halbumdrehung die dem Tag zugewandt ist; der konkav gestellte Halbkreis ist der Nacht (bzw. dem Bambus) zugewandt.
Mit den Stühlen verbindet sich aber noch eine weitere Referenz die sich nun speziell ans müde gewordene Publikum richtet: Es darf sich drauf setzen!
(6/97)




WEISS/WEISSLICH 29b: Stuhl (Stühle), 1996
innen oder außen aufstellen als Hör-Ort(e)
White/Whitish 29b:, Chair (Chairs), 1996
to be set up inside or outside as listening place(s)



WEISS / WEISSLICH 29b, 4 Stühle am Zürcher See, 1999
White/Whitish 29b:, 4 Chairs at the Zürcher See, 1999





Zeichnungen, Drawings, 1995-99

Stühle, Chairs


Stuhl, Chair


Stühle (Auditorium), Chairs (auditorium)


Stühle (Barriere), Chairs (barrier)


Stühle (Weg), Chairs (path)


STILLSITZEN
Ich frage mich manchmal warum Leute ins Konzert gehen und obwohl die Musik völlig langweilig ist, trotzdem still sitzen bleiben. Die Musik selbst, das was ist, kann nicht recht der Grund sein. Wenn wir Gründe suchen, finden wir natürlich welche. Irgendwelche ausgedachten Gründe die viel mehr Entschuldigungen sind als Gründe. Entschuldigungen fürs Stillsitzen. Die Entschuldigungen handeln natürlich immer vom Vorhandenen, von dem was ist. Oder sie handeln von irgendwelchen angeblichen Vorlieben. Sie sitzen still und entschuldigen sich anschließend dafür. Auch das Kritisieren ist so eine Entschuldigung. Warum hört man es sich denn schön still die ganze Zeit an, wenn man es nicht mag. Man mag wahrscheinlich nicht das was ist. Aber warum sitzt man still.

Ich glaube man sitzt still, weil man das mag was nicht ist. Oder anderes ausgedrückt: Man liebt das Stillsitzen um seinetwillen. Man liebt es still zu sitzen und eine plausible und allgemein akzeptierte Erklärung dafür zu haben: "Ich gehe ins Konzert". Man liebt es, einen guten Grund dafür zu haben, schweigen zu müssen und auch alle anderen schweigen zu wissen. Aber was wird verschwiegen. Was ist das das nicht da ist. Das um dessentwillen man schweigt.

Wir brauchen keine Antwort. Aber wir brauchen dieses Schweigen. Brauchen dieses Nicht-Anwesende, das in der Musik vielleicht stärker zum Tragen kommt als sonst wo.




Sitzen und Hören, 4 Fotos, 2000
Sitting and Listening, 4 photos, 2000





LISTENING PIECE IN FOUR PARTS (2001)
1. Los Angeles, Dockweiler State Beach, Baywatch 53 / 54
2. Los Angeles, Baldwin Hills, Culver City Park, Baseball Field
3. Los Angeles, Downtown, 4thStreet / Merrick Street, Parking Lot
4. Palm Springs Trail Station / Wind Farm

Die Version von "Listening Piece in Four Parts" hat stattgefunden, indem an jedem der 4 Orte 20 Stühle 90 Minuten lang aufgestellt wurden (10.12., 11.12., 19.12., 26.12.2001); Die 4 Orte selbst verbleiben als (imaginäres) Listening Piece.

"I performed the 4 parts on 4 different days during December 2001, mostly alone with my wife Siegrid by putting 20 chairs on 4 different places. The chairs have been removed after about 2 hours at each place. But the 4 places remain - now as a piece of music - for all who are aware of this fact."






WEISS / WEISSLICH 29b, 36 Stühle, 2003
White/Whitish 29b, 36 Chairs, 2003

Exhibition view, Akademie der Künste Berlin, 2003

detail 1 with Julius "Schwarz, Gelb"
detail 2 with windows


Text im Ausstellungskatalog zu "Conceptualisms":
Das Stück Weiss/Weisslich 14 aus dem Jahre 1995 besteht aus nichts als dem Hinweis "Sitzen und Hören". Seither sind weitere Hinweisstücke und Hör-Skulpturen entstanden, die nicht den zu hörenden Klang, sondern allein den Hörvorgang ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. "Weiss / Weisslich 29b, 36 Stühle" zitiert die Situation eines Auditoriums, und tritt durch die Art der Aufstellung in unmittelbaren Dialog zu den 5x20 Bildern von Julius' "Schwarz, Gelb" im selben Ausstellungsraum, welchem es dadurch die kaum merkliche Transformation von einem Sehort in einen Hörraum zumutet.





WEISS / WEISSLICH 29b, 24 Stühle, 2007
White/Whitish 29b, 24 Chairs, 2007



Exhibition view, Haus am Waldsee, Berlin, 2007


siehe auch/see also:

SITZEN UND HÖREN 1-6
(Weiss / weisslich 29)
eine Hörskulptur in 6 Teilen (2010)
a listening sculpture in 6 parts; 6 platforms, 91 chairs > details

WEISS / WEISSLICH 29
2 Stunden, 12 Tage, 36 Stühle
Hörstück (2013)
listening piece, 2 hours, 12 days, 36 chairs > details



The medium is not the message

notebook entry: A / THE MEDIUM IS BY FAR NOT THE MESSAGE / B / THERE IS NO MESSAGE / C / THE MEDIUM IS THE CHAIR / D / THE PIECE IS TO SIT DOWN ON IT AND LISTEN


related:

HERRSCHAFTS- UND PRODUKTIONSMECHANISMEN
Im Grunde arbeite ich daran, daß das, was man sieht oder hört nicht das ist, was man sieht oder hört. Es ist eine Art umgekehrter Kunst. Kunst als Negativ. Oder besser noch: Komplementäre Kunst. Das, was man sieht oder hört ist das Komplement zu dem, was man NICHT sieht oder hört. Die Kunst ist aber nicht das was man sieht oder hört - das ist nur das Handwerk/Kunsthandwerk - die Kunst ist genau das Komplement zu dem, was man sieht oder hört. Ist das, dessen Außengrenze das Sicht- oder Hörbare beschreibt. Die Kunst ist exakt dort, wo das Sicht- oder Hörbare aufhört. Die Standardsituation mit der ich es zu tun habe, ist diejenige, in der das Sicht- oder Hörbare/das Gemachte als das Kunstwerk begriffen (bewundert oder abgelehnt) wird: das goldene Kalb. Nur: das geht alles voll daneben. Die Kunst ist daneben. Ist das, was übrigbleibt wenn man das Werk wie einen Scherenschnitt herausschneidet aus seiner Umgebung. Aaron und Moses. Verräter und Retter. Der Künstler ist beides in einem. Er verrät die Kunst, um sie zu retten. Die Schwierigkeit besteht nur darin daß der VERRAT gefeiert wird und nicht die Rettung. Daraus entsteht das unaufhörliche Weitermüssen/den Verrat verraten müssen/immer und immer wieder. Die Rettung wird zur Flucht. Denn nur in dieser Flucht vor der jeweils gesetzten Manifestation/dem Werk/dem Kalb läßt sich die Idee des ANDEREN/des Im-Ausgesprochenen-Nicht-Ausgesprochenen/die Idee der Idee aufrecht erhalten... (aus: Kunst und Politik, 2004, unveröffentlicht)



other pieces including chairs as listening places:

documentation of "3 easy pieces", Wismar 2004

documentation of the 6. act of "Opera/Werke: Die Bestuhlung", Graz 2005 (english version)

deutsche Version der Dokumentation zum 6. Akt der Stadtoper "Opera/Werke", Graz 2005



one from many other pieces including aspects about "The medium is not the message":

Fallstudie


Fotos: Maria Tržan, Siegrid Ablinger
english notes edited by Bill Dietz



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